Gehirnregion-spezifische neuronale Netzwerke in vitro
In den letzten drei Jahrzehnten stieg die Zahl der Studien mit neuronalen Zellen, die erfolgreich in vitro als Monolayer-Kulturen
wachsen, stetig. In solchen Kulturen reifen die dissoziierten Zellen in einer Kulturschale heran, bilden Ausläufer sowie Synapsen und
erzeugen auf diese Weise neuronale Netzwerke.
Neuronale Monolayer-Kulturen in vitro werden zunehmend als Werkzeuge anerkannt, um die funktionellen Antworten von
neuronalen Netzwerken auf Substanzen zu untersuchen; sie füllen so die Lücke zwischen High-Throughput-Ansätzen, Genomik und
Proteomik auf der einen Seite und Tiermodellen auf der anderen. Neuronale Netzwerke in vitro sind klein genug, um für genaue
Untersuchungen vollständig zugänglich zu sein. Sie sind aber auch gleichzeitig Systeme, die komplex genug sind, um eine
Vorhersagekraft
für Wirkung von Medikamenten auf das Herkunftsgewebe zu haben.
Neuronale Netzwerke, die mit unseren Bedingungen kultiviert werden, bleiben gewebespezifisch und behalten die pharmakologische,
gewebespezifische Rezeptorausstattung des Herkunftsgewebes. Wir haben Substanzen untersucht, die an exzitatorischen,
inhibitorischen und modulierenden Rezeptorsystemen angreifen. Des weiteren sind wir in der Lage, Daten über den physiologischen
Wirkmechanismus der Substanz zu liefern, die am Rezeptorsystem für Glutamat (NMDA, AMPA, Kainate), Acetylcholin (nikotinisch und
muskarinisch), Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, GABA-A, GABA-B, Glycin und verschiedenen anderen wirkt.
Anders als Systeme mit neuronalen Stammzellen oder Vorläuferzellen entwickeln sich Primärkulturen aus einem Gemisch von
verschiedenen Neuronentypen und Gliazellen.
Gliazellen haben wichtige unterstützende Funktionen für den Metabolismus und für die Versorgung der Nervenzellen mit Ionen und
Nährstoffen. Lange Zeit wurde den Gliazellen nur eine passive Rolle zur Unterstützung der Neuronen zugeschrieben.
Im letzten Jahrzehnt konnte eine Vielzahl von Studien allerdings nachweisen, dass die Glia ein notwendiger mitwirkender Faktor
beim Dialog von
Neuronen an der Synapse ist. Gliazellen stellen zusätzliche Ziele für neuronale Signale dar und reagieren auf die synaptische
Freisetzung von Neurotransmittern und Neuromodulatoren. Das Konzept einer "Drei-Parteien-Synapse" (prä-, postsynaptisch und
Glia) ist mittlerweile akzeptiert, um den Beitrag der Glia zur synaptischen Transmission und zur Informationsverarbeitung im ZNS zu
erklären.
Nervenzellen und Gliazellen teilen sich Elemente der extrazellulären Matrix, die sowohl von Nervenzellen als auch Astrocyten erzeugt
wird. Gliazellen spielen eine wichtige Rolle bei den Interaktionen, bei neuronaler Aktivität, Wachstum und axonalem Wachstum.
Zellkultursysteme, die spezifisch für Gehirnregionen sind, sind bei uns für Rückenmark und frontalen Cortex etabliert. Die Gewebe
werden, je nach Hirnregion, von embryonalen NMRI-Mäuse zwischen Tag 14 und 17.5 entnommen. Nach Ethylesterbetäubung werden
die Mäuse, gemäß Deutschem Tierschutzgesetz, durch zervikale Dislokation getötet. Die verschiedenen Zellkulturen für die speziellen
Hirnregionen werden dann entsprechend unseren etablierten Zellkulturverfahren dissoziiert, ausgesät und kultiviert. Nachdem sich die für die Gehirnregion spezifischen und stabilen Signalmuster der elektrischen Aktivität entwickelt haben, gewährleistet die Co-Kultur mit Gliazellen die Langzeitstabilität.
In vitro beginnt die Aktivität etwa 3-4 Tage in Form von zufälligen Salven von Aktionspotenzialen, die
sich nach 4 Wochen in Kultur zu einem synchronisierten Aktivitätsmuster stabilisieren, das ein koordiniertes Hauptmuster (frontaler
Cortex) bzw. ein koordiniertes Hauptmuster mit mehreren koordinierten Untermustern (in Abhängigkeit von der Burststärke) mit
Interburstspiken aufzeigt (Rückenmark). Solche Netzwerke bleiben für mehr als sechs Monate spontan aktiv und pharmakologisch
beeinflussbar und zeigen eine hohe Reproduzierbarkeit über die Kulturen. Das ermöglicht sowohl akute als auch langzeitige
Behandlungen. Das Fehlen einer Blut-Hirn-Schranke in diesem experimentellen System spiegelt die Situation einer Entzündung mit
einer durchlässigen Blut-Hirn-Schranke - "leaky barriers" - wieder.